Was ich über mich selber gelernt habe…

Schon in meinen ersten Tagen im Hospiz, in welchem ich ja gerade im Rahmen meiner Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin einen vierwöchigen Einsatz mache, habe ich es deutlich gespürt: die Arbeit mit sterbenden Menschen verändert einen ganz schnell.

Zunächst einmal: ich bin ein sehr schneller Mensch. Sprich, ich erledige Dinge in einem sehr raschen Tempo – für mich selber nenne ich das „effektiv, aber gut!“ und es ist auch mein eigener Anspruch an mein Tun. Wenn ich also etwas anpacke, dann fackel ich nicht lange – und oftmals versuche ich auch mehrere Sachen gleichzeitig abzuarbeiten, um meine gedanklich To-do-Liste möglichst fix abhaken zu können.

Dabei bin ich für mein Gegenüber bestimmt oftmals ZU schnell unterwegs und es war mir von vorneherein klar, dass ich das SO in einem Hospiz nicht durchziehen kann. Ich war sehr gespannt, wie ich das so hinbekomme, mich auf das Tempo des Anderen (also in dem Fall des jeweiligen Hospiz-Gastes) einzulassen. Normalerweise werde ich nämlich ziemlich rasch sehr ungeduldig, wenn mich jemand in meinem Tempo „bremst“.

Dass ich mir da im Vorfeld bereits Gedanken drüber gemacht hatte und dass in dieser Art Einrichtung einfach eine ganz andere, ruhige und besonnene Atmosphäre herrscht, der man sich kaum entziehen kann, hat dazu geführt, dass ich ziemlich früh bemerkt habe: ich kann das! Ich kann mich durchaus auf den Rhythmus der anderen Person einlassen, ihn übernehmen und dabei eine neue, stillere Energie in mir entdecken.

Es ist sogar sehr wohltuend, die eigene „Raserei“ mal hintenan zu stellen und das Befinden, die Tagesform und die persönlichen Wünsche des Gegenübers total in den Fokus zu stellen. Nicht nur, dass man hinterher ein viel befriedigenderes Gefühl hat, den Menschen wirklich richtig und gut gepflegt zu haben – die Langsamkeit lässt einen Dinge auch viel bewusster tun.

Ein weiteres Empfinden hat sich ganz schnell in meinen neuen Hospiz-Alltag geschlichen: der große Wunsch, mein Dasein mehr mit Leben zu füllen. Wenn man sich die Hälfte des Tages mit dem Sterben, Abschied und unheilbarer Krankheit umgibt, dann wächst der innere Drang, in die übrige Zeit mehr Fröhlichkeit, Lebensfreude und pulsierende Energie zu packen. Das eine schließt zwar das andere niemals aus, aber mir es war auf jeden Fall in der Freizeit noch viel mehr als sonst wichtig, jeden schönen Moment so richtig auszukosten und zu spüren, dass ich gesund, stark und voller neuer Ideen, Kraft und Hüpfer bin.

Das Hüpfen ist also noch mehr in den Vordergrund getreten – mir ist klar geworden, dass ich noch ganz viele Hüpfer in meinem Leben machen möchte: weite, kurze, schräge, stolpernde, glückliche, gerade, hohe, kleine, große, verzweifelte, traurige, verunglückte und lange eingeübte…

Hüpfer mit oder ohne Anlauf, mit oder ohne Schwung, mit oder ohne Hilfestellung – und diese alle dann wieder ganz in meinem eigenen Tempo!

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Guten Morgen liebe Uta, du sprichst mir aus der Seele und ich kann deine innere Reaktion und die enorme Lust aufs Hüpfen sooo gut verstehen!!! Seit 30 Jahren bin ich immer wieder massiv mit Krankheit und Tod konfrontiert, bei mir selbst und bei meinen liebsten Menschen – und dabei bin ich doch „erst“ knapp über 50. Und auf der anderen Seite derselben Medaille ist daraus eine unglaubliche Lebensintensität und Lebensfreude erwachsen :))) . JAAA, die schönen und glücklichen Zeiten mit Haut und Haaren genießen und auch dafür sorgen, dass es für einen selbst und für andere möglichst viele davon gibt! In diesem Sinne hüpfende Grüße an euch alle hier, möget ihr einen richtig schönen Dienstag haben, dessen Novembergrau euch völlig kalt lässt 😉 !!

    • Liebe Melanie,
      ich empfinde diesen Drang nach Leben, Freude und Hüpfen als Ausgleich für die oftmals drückende Schwere des Daseins als absolut gut und man sollte ihr möglichst intensiv nachgeben! Also: don´t forget to hüpf und viel Spaß dabei!!!! 🙂

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