Die Erinnerung an ein fehlendes Ohr

Meine Tochter ist gerade auf Juist – also auf meiner früheren Seeleninsel, auf der ich insgesamt 16 Jahre gelebt und auf der ich sommerferientechnisch meine Kindheit verbracht habe. Auch meine Kinder hatten dort ja in ihren ersten Jahren ein sandiges Zuhause und somit gibt es für uns alle drei natürlich ganz viele Orte, Personen und Situationen einer gemeinsamen Vergangenheit.

Unser Gehirn ist ja teilweise wirklich erstaunlich – und wenn es um meins geht auch immer mal wieder ziemlich verwunderlich! 🙂

Meine Tochter schickte mir nämlich ein Foto von einem ihrer Streifzüge über die Insel – so hat sie beispielsweise durch das Fenster des Spielzimmers im Haus des Kurgastes das dort befindliche (und das schon seit geraumer Zeit) Spielzeug fotografiert. U.a. ist darauf eine Schaukeltier aus Plastik in Form eines Elefanten zu erkennen und mir schoss sofort durch den Kopf:

„Dem fehlte doch schon vor 20 Jahren das eine Ohr?!?“

Kann man hier nicht erkennen, aber ich bin mir total sicher, dass das gelbe Plastikteil am Griff, welches das Elefantenohr darstellen soll und das beim schaukeln immer so nett mitschwingt, auf der rechten Seite fehlt.

Und darüber muss ich jetzt schon seit vielen Minuten nachdenken: warum erinnert man sich an so ein scheinbar unwichtiges Detail – während man ganz bestimmt unzählige bedeutsame Momente nicht mehr so wirklich im Kopf hat?

Eigentlich müsste man ganz regelmäßig und akkurat Buch darüber führen, welch wunderbare Augenblicke man so erlebt hat: jedes Lächeln eines Fremden, der einem entgegen kam – jeden wohlwollenden Blick des Partners – jeden Lachanfall des eigenen Kindes – jedes Bauchkribbeln bei dem Gedanken, dass bald Weihnachten ist – jeden Kuss zum Abschied und jede Umarmung zur Begrüßung – jedes Freiheitsempfinden am ersten Ferientag – jedes Bauchkribbeln am ersten richtigen Frühlingstag – jede uneigennützige Geste eines Freundes, wenn man sie gebraucht, aber nicht erwartet hat – jedes Überwinden einer inneren Grenze, das Erreichen eines ersehnten Erfolges und das Treffen einer wichtigen Entscheidung – jede Erleichterung, wenn man etwas verloren geglaubtes wieder in den Händen halten durfte – jeden Geruch, der Wohlbefinden in einem hochsteigen lässt – jede Anerkennung für die Mühe, die man sich gemacht hat – jede Gewissheit, an einer Aufgabe gewachsen zu sein – jede Form von Liebe, die man gespürt hat…

Das Gute ist, dass man ganz sicherlich nicht nur die Erinnerung an fehlende Elefantenohren in seinen Gehirnwindungen versteckt hat, sondern alles andere eben auch – was man zusätzlich in seinem Herzen trägt und was somit niemals verloren geht.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Du hast Deine Gedanken hierzu mit wunderschönen Worten beschrieben, liebe Uta, und es stimmt ja tatsächlich: nichts geht verloren von all dem, was man auf seinem Weg durch’s Leben zur Kenntnis nahm und manchmal sogar unbewusst abgespeichert hat.

    Mir ist es schon öfters so ergangen, dass ein vertrauter, schon längst vergessen geglaubter Duft oder nur ein einziges Wort/Bild ein ganz bestimmtes, aus heutiger Sicht noch nicht einmal sonderlich wichtiges Szenario in meiner Kinder- oder Jugendzeit urplötzlich wieder „wachgeküsst“ hat und ich mich auch darüber wunderte, was sich denn ganz tief in meinen Hirnwindungen so alles noch tummelt …..!
    Danke dafür, dass Du dieses Thema angesprochen hast! :-)))) Mir jedenfalls hat es ein wohliges Bauch- und Herzkribbeln beschert, als ich den Ein-Ohr-Elefanten im neugestalteten Juister Spielzimmer sah. Sofort dachte ich an meinen geliebten kuscheligen braunen Brummbären auf vier roten Holzrädern, auf dem ich als etwa Fünfjährige rittlings über die Diele der Stadtwohnung meiner Eltern „fegte“. Wenn ich an einer kleinen Schlaufe auf seinem Rücken zog, ließ mein Herzensbär ein tiefes langgezogenes Brummen hören. Eigentlich längst vergessen, verschüttet von den oft so wirren Nachrichten der jetzigen Zeit.

    • Eine super schöne Erinnerung, die Du da beschreibst – und ja, manchmal braucht das Gehirn eben einen kleinen Schubser, um in eine Erinnerung zu hüpfen! 🙂

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