Der „Liebeskummer“ der Zeit

Auf den einschlägigen Social media-Kanälen gibt es ja immer wieder sogenannte Trends – also irgendjemand dreht ein Video über ein bestimmtes Thema, macht sich über etwas lustig, kreiert einen kleinen Tanz auf ein besonderes Lied oder, oder, oder… und ganz viele machen das nach.

Vor einiger Zeit war es zum Beispiel ein sich in verschiedenen Versionen wiederholender Reel auf Instagram, der mich jedes Mal zum weinen gebracht hat: eine Mutter erzählt dabei ihrem jugendlichen/nahezu erwachsenen Sohn, wie sie ihn früher immer gehalten hat, zum Beispiel um ihn zu trösten oder ihm besonders nah zu sein – nämlich tragend und gleichzeitig umarmend, indem der Sohn beide Beine um die Hüfte der Mama geschlungen hat. So, wie es dieses Paar hier zeigt:

Die Mutter erklärte dann weiter unter Tränen, dass sie diese Form der Umarmung jetzt noch ein einziges Mal mit ihrem Kind machen wolle – die jeweiligen Jungen haben sich meist zunächst ein bisschen gesträubt, ihrer Mama dann den Gefallen getan, beide haben anfangs häufig etwas verlegen gelacht, sich dann aneinander geschmiegt und waren schließlich gemeinsam total emotional. Einfach nur schön und berührend.

Vielleicht können die Mütter und Väter unter uns hier, die mittlerweile älter zu nennende Kinder haben, das sehr gut nachvollziehen: denn so wunderbar es auch ist, dass man sein eigen Fleisch & Blut groß werden sieht, dass man spüren darf, zu welch tollen, eigenständigen und liebenswerten Persönlichkeiten sie geworden sind und dass man seine eigene Freiheit durch das immer weniger kümmern und direkte versorgen wieder total genießen darf… es tut auch ganz schön weh zwischendurch…

Es ist ein – wie ich finde – ganz leiser und irgendwie warmer Schmerz,

  • wenn kleine Hände „plötzlich“ große Hände sind und man sie nicht mehr automatisch festhalten darf oder soll
  • wenn man beim Durchstöbern des Handys auf alte Fotos stößt, das Herz sich ganz doll weitet und sich dann kurz zusammenzieht, weil es sich ein bisschen wie Liebeskummer anfühlt, indem einem bewusst wird, dass diese Zeit und diese Version Deiner Kinder so nie zurückkommt.
  • wenn man sich innerlich kritisch fragt, ob man die oft gehörte „Ermahnung“, man solle die Jahre, in denen der Nachwuchs so klein ist, bloß richtig genießen, auch nur ansatzweise beherzigt – oder ob der Alltag nicht doch oft viele kleinen und großen Freuden überlagert hat
  • wenn einem bewusst wird, dass nun jeder Tag ein stilles Loslassen bedeutet

Nun bin ich glücklicherweise mit einer wirklich engen, sehr liebevollen und harmonischen Bindung zu meinen Kindern gesegnet – aber ich kenne diese beschriebenen Gedanken und Gefühle durchaus und sie gehören wohl zu jedem Eltern-Leben dazu.

Wie geht es Euch damit?

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ja, das spüre ich neuerdings sehr oft. Gerade vor zwei Tagen wurde mir ein Kinderfoto meines Sohnes, der jetzt 30 ist, auf meinem Handy angezeigt.
    Ich vermisse die enge Zeit, die wir hatten. Jetzt wohnt er fast 600 km entfernt und wir sehen uns selten.

    Ja, die Kinder werden sehr schnell groß. Aber gerade als Alleinerziehende konnte ich diese Zeit nicht ausschließlich genießen.

  2. Unsere Töchter sind auch längst erwachsen und haben sich zu empathischen, sensiblen und verantwortungsvollen Menschen entwickelt. Unser Kontakt ist innig, vertrauens- und liebevoll, wir sind füreinander immer da, das ist kostbar und wunderschön.

  3. Ja, die Erinnerungen an die KinderZeit meiner Töchter sind wertvoll.
    Jedoch flog die Zeit so dahin, man war mit dem Leben beschäftigt… Job, Haus, Aufbau usw.
    Manches hat man nur im Galopp erlebt, und schwupps waren sie gross.
    Wir hatten leider zu der Zeit keine Filmkamera, sonst könnte man durch die Filme wieder die Zeit nacherleben.

    Aber an alle zum Trost: Evtl. kommen Enkelkinder und dann….. erlebt man alles nochmal, aber viel intensiver!!!
    Ich habe 4 Enkelkinder, die Gott sei Dank recht nahe bei mir wohnen…. mit den beiden ältesten (jetzt 20 /18 Jahre) waren wir sehr oft im Urlaub und haben es genossen!!!
    Die beiden jüngsten (13/5 Jahre) sind etwas Heimwehkrank und dann stellte sich die Frage nicht.
    Fazit: Man kann es nochmals, ohne erziehen müssen, erleben….
    Ich wünsche es allen.

    • Der Aspekt mit den Enkelkindern ist tatsächlich ziemlich gut und hilfreich, liebe Ulrike. Da kann ich nur hoffen, dass ich tatsächlich irgendwann Oma werde… 🙂

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