Die wachsenden Flügel

Es war wie an einem sonnigen, warmen Sommertag, den man unter einem azurblauen Himmel mit kleinen Schäfchenwolken, die ab und zu die Sonne verdecken, verbringt. Am Horizont ballt sich eine dicke, deutlich dunklere Front zusammen – aber man nimmt sie nicht wirklich ernst oder sagt sich: Das zieht vorbei…

Und dann passiert es doch: man steht mitten im Regen – und nach dem ersten Schreck bemerkt man, dass man zwar nass bis auf die Haut wird, aber hofft trotzdem weiterhin, dass es dabei bleibt und der Donner und die Blitze einen nicht ganz so hart treffen werden.

So in der Art fühle ich mich derzeit in meiner Mutterrolle – es grummelte schon seit einiger Zeit in der Familien-Ferne, nun kann man es wohl nicht mehr „schön reden“: die sonnigen Kindertage sind vorbei und wir stehen im Pubertäts-Gewitter.

Bislang kleben meine Mama-Klamotten nur an mir und wringe sie zwischendurch aus und hänge mich in den Wind zum trocknen – außerdem freue ich mich über die durchaus noch deutlich vorhandenen sonnigen Abschnitte.

Was ganz spannend ist, dass mein jüngerer Sohn ganz offensichtlich früher dran ist als meine Erstgeborene – dabei sagt man ja immer, dass Mädchen stets eher dabei und drin sind, aber bei uns ist eben – wie so oft – alles anders. Mein Sohn hat dabei quasi einen Köpper ins Pubertätsbecken gemacht: bei einem Frühstück kam beim reden ein Kiekser, seitdem spricht er wie ein Kerl und ich erschrecke fast noch jedes Mal, wenn er den Mund aufmacht. Man kann derzeit fast dabei zugucken, wie er aus den Hosen rauswächst und sein Gesicht hat sich gefühlt über Nacht vom Kind zum Beinah-Mann verändert. Ich komme mit meinen Emotionen nicht so richtig hinterher, kann oft nur staunen und mit einer Mischung aus Wehmut und Stolz beobachten.

Auch das Verhalten wird zunehmend anders: unabhängiger, wissender, erfahrener – und daneben oft noch so kindlich naiv und wunderbar sorglos. Man spürt, dass sie einen immer weniger brauchen, dass sie auf der klaren Suche nach ihrem eigenen Weg sind – und dabei die wild winkenden Arme der Mutter entweder dankbar annehmen oder sehr bewusst ignorieren.

Die Flügel meiner Kinder wachsen – und ich merke, dass meine Aufgaben sich verschieben. Anstelle der Nestpflege und -wärme geht es nun immer mehr darum, sie zu ermutigen das Fliegen zu üben. Was das genau für mich als Mutter bedeutet, dazu mehr im nächsten Artikel…

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Mama UTA,
    wieder toll beschrieben, ja jetzt kommt die Zeit der Unverständnisse beiderseits, wie zB „Mama ist peinlich“.
    Aber da musste durch. Ich wünsch Dir trotzdem ein schmerzfreies Durchkommen😎 und Deinem J natürlich auch.

    • Liebe Uta,
      ich musste beim Lesen des Blocks gerade an meinen Auszug zu Hause denken. Es ist zwar nicht die Pubertät, aber auch ein einschneidendes Erlebnis für meine Eltern und mich. Auch wenn der Auszug inzwischen schon über 27 Jahre her ist, weiß ich noch genau, was mein Papa gesagt hat und das passt zu deinen Flügeln. Er sagte, ich spiele dir jetzt vor, was ich dir wünsche und dann kam: Flieg junger Adler, von Tom Astor. Und selbst heute ist da noch der Klos im Hals und ein Tränchen im Gesicht bei mir.

  2. Hallo Uta,
    zuerst einmal ein kleiner Hinweis, Pubertät ist das wenn Eltern komisch werden! Es ist doch schön zu sehen wenn aus Kindern Leute werden. Wenn sie lernen, wenn auch schon sehr frühzeitig, selbstständig zu werden und das auch entsprechend einfordern. Da kannst du dir selbst doch nur sagen … joh, alles richtig gemacht! Ich habe in meinem Umfeld einige Kinder/Jugendliche kennengelernt die selbst mit über 20 Lebensjahren nicht gelernt haben selbstständig zu sein weil es nicht notwendig war, „Hotel Mama“ ist doch was feines und bequemes.
    Lass die Kinder von der Leine, lass sie ihr Leben gestalten, lass sie Erfahrungen sammeln. Die Erkenntnisse die unsere Kinder daraus ziehen sind vielfältig und wichtig. Es wird die eine oder andere Beule dabei herumkommen, aber solange keine ernsthaften Verletzungen dabei rum kommen ist doch alles im dunkelgrünen Bereich.
    Ich habe es an meinen Kindern gespürt, jetzt im Erwachsenen-Alter (25 und 29 Jahre alt) sind sie sowas von dankbar dafür.
    Meine Tochter hat zur Taufe meines Enkels bzw. ihres Patenkindes ein tolles Lied geschrieben …. eine Textzeile darin heißt “ …. fall nie tiefer als in meinen Arm!“ Und genau das werden unsere Kinder niemals …. aber fliegen müssen sie lernen!
    Lg. Dieter

  3. Alles gut! Wenn Du leicht geschafft, aber stolz das Flügelschlagen immer wilder und lauter hörst, seid ihr alle auf dem richtigen Weg. Üben kommt vor der Meisterschaft! :-)))

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