Herzens-Heimat

Ursprünglich bin ich ja eine Niederrheinerin – und das bleibe ich auch, wie ich gerade mal wieder feststellen durfte.

Aufgewachsen bin ich in Ziegelheide – das ist ein Ort, der mehr Felder, Wiesen und plattes Land als Häuser hat. Meine Familie und ich bewohnten den linken Teil der wohl einzigen Doppelhaushälfte in einem Umkreis von 50 Kilometern. Direkt an unseren Garten grenzte das Gelände einer winzig kleinen Grundschule, die jeweils nur 4 Schulklassen beinhaltet hatte und wo auch ich das Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt habe. Sehr praktisch: wenn ich mein Sportzeug vergessen hatte, musste ich nur mal eben über den Zaun klettern. Es war eine Kindheit, die gefühlt nur an der frischen Luft stattgefunden hat: unsere Nachbarn (nur durch ein Schweinefeld getrennt) hatten drei Kinder und ich habe jahrelang mit der Tochter gespielt: wir haben tagelang Hütten gebaut, haben die Landschaft erobert, sind im Winter auf den zugefrorenen Gräben Schlittschuhe gefahren und haben uns beim Wachsen zugesehen.

Als meine Oma mütterlicherseits verstarb, übernahmen meine Eltern das Haus und wir zogen nach Hüls, einem Stadtteil von Krefeld. Ich war 12 Jahre alt – auf der Schwelle zwischen Kind und Jugendlicher und habe zunächst tausende Tränen vergossen über diese starke Veränderung meines Lebens.

Doch nach und nach wurde der schöne Ort zu meiner neuen Heimat – und das ist es in meinem Herzen bis heute. Gestern sah ich auf Facebook ein Bild vom Marktplatz dort und meine Seele flog direkt dort hin:

Hüls

Ich liebe diesen charakteristischen Kirchturm mit der goldenen Uhr (die alle naselang stehenbleibt und dessen angezeigte Zeit man zwar weithin sehen kann, sich bei einer wichtigen Verabredung allerdings nicht drauf verlassen sollte…), den Marktplatz mit dem Kopfsteinpflaster und der Eisdiele um die Ecke, die das grandioseste Eis aller Zeiten herstellt. Hier habe ich wunderbare Karnevalszeiten gefeiert, war jahrelang Gruppenleiterin der hiesigen Pfarrjugend (mit Zeltlager und allem drum und dran), hatte meinen ersten (und 57 darauf folgende) Liebeskummer, habe Freundschaften fürs Leben geschlossen und einen dicken Teil meiner großen Familie dort wohnen.

Seit 18 Jahren bin ich nur noch Besucher in Hüls – ich habe den Ort zunächst für Juist verlassen, aber ganz viel von meinem Herzen wohnt noch immer dort. Mein Zuhause ist nun ein anderes – aber Heimat bleibt Heimat. Man kann sich gut verpflanzen – aber man weiß immer, wo die Wurzeln mal saßen.

15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Punkt.So ist es.Auch bei mir 🙂
    Heimat bleibt immer Heimat,egal was auch passiert.
    Ich freue mich wie Bolle auf Köln,jedesmal.Leider nicht mehr so oft.
    Aber wenn dann richtig.
    LG 🙂

    • Kölle ist ja auch eine einmalig großartige Stadt – dass man daran sein herz verlieren kann, verstehe ich sowieso. Und als Heimat dann eben erst Recht!

    • Meine Herzensheimat ist immer dort, wo ich mich wohl und geborgen fühle. Deshalb, weil ich Land und Leute so sehr mag, vor allem aber, weil meine liebsten Menschen dort mit mir leben!

  2. Heimat ist für mich nicht an einen bestimmten Ort gebunden, sondern an meine Familie.
    Klar habe ich schöne Erinnerungen an meinen Geburtsort, die Schulzeit und die Freunde, aber eben Erinnerungen.
    Da wo meine kleine Familie ist, da ist Heimat.

    • Ach, wie schön muss es sein, einen Heimatort zu haben….. einen Kirchplatz, einen bestimmten Landschaftstyp mit eigenen Sitten und Gebräuchen, spezielle landestypische Kochrezepte, Musik, ein Dialekt….. einfach das Gefühl von einer Zugehörigkeit fühlen, die bis in die Windeln zurück reicht…..Hätte ich gerne, aber hab ich leider nicht 🙁

        • Ja, mach ich, schnief….. weil mein Vater „alle 5 Minuten„ innerhalb seiner Firma die Karriereleiter hochversetzt wurde, hat man meinem Bruder und mich sehr oft in unserer Kinderzeit und Jugend aus-und wieder eingepflanzt. Da gab es keine Zeit zum Wurzeln schlagen oder so ein schönes Heimatgefühl entwickeln. Konnte froh sein, wenn man mich, „die Fremde“, wenigstens einigermaßen liebevoll im neuen Zuhause aufgenommen hat. Ein absoluter Einsamkeits,-Kulturschock war es, als ich mit 8 Jahren von Kassel nach Nürnberg in eine spießige Vorstadt umgezogen bin. Ich habe die Franken als sehr traditionell empfunden. Da meine Eltern echte Niedersachsen waren, , sind wir alle sprachlich „übern spitzen Stein gestolpert“. 😉 Das musste ich mir schleunigst abgewöhnen, damit ich nicht ausgelacht werden würde. Na ja, Kinder eben! War ziemlich oft ziemlich hart für mich dieses heimatlose Umherziehen! Habe wohl einiges über Flexibilität gelernt, – aber so eine eigene Bimmelkirche in der eigenen Heimat wäre mir lieber gewesen.

          • Das kann ich verstehen, liebe Lydia – es ist schon schön, wenn man weiß, wo seine Wurzeln hängen geblieben sind. Konntest Du das denn jetzt im Nachhinein nachholen und hast Dir eine eigene Heimat geschaffen, die Dich verwurzelt?

    • Kann ich sehr gut verstehen, liebe Claudia – ich differenziere das eben in die Begriffe „Heimat“ und „Zuhause“ – und letzteres ist für mich genau das, was Du so schön ausgedrückt hast!

  3. Ich fühle mich mittlerweile in Hüls mehr zu Hause und angekommen als in meiner Heimat Grefrath, das ja nicht weit entfernt ist. Ich wohne jetzt seit über 16 Jahren hier. Es sind die Menschen in Hüls, denen man eigentlich nachsagt, dass man von ihnen nicht so schnell an- und aufgenommen wird, die mir das Gefühl geben „hier gehöre ich hin!“! Dafür bin ich sehr dankbar. Ich möchte hier z Zt auch nicht wieder weg. Da müsste schon etwas gravierendes passieren.

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