Die Wunde

Wer sich mit sich selber beschäftigt, Gefühle zulässt und auch inneren Schmerz als solchen erkennt, der weiß bestimmt, wovon ich im folgenden schreibe.

Neben meinem besagten Schatzkästchen, über das ich letzte Woche berichtet habe und in das ich meine Empfindungen, meine Vergangenheit und meine Erinnerungen stopfe (insofern lagert dort einiges an unschönen Dingen), habe ich noch einen Punkt in mir. Dieser ist recht verborgen – ganz tief im Brustkorb und ist die meiste Zeit einfach da, schlummert vor sich hin und ich spüre ihn nicht.

Und dann gibt es diese Augenblicke, wo er berührt wird. Das können Sätze in einem Gespräch sein, eine Filmszene oder ein Lied, ein Moment der Stille mit mir selber oder der Ausdruck in den Augen eines Menschen, der mir völlig fremd in der S-Bahn gegenüber sitzt: völlig unverhofft beginnt sich dieser Punkt zu regen und zu schmerzen. Wie aus dem scheinbaren Nichts heraus fühlt es sich so an, als würde jemand den Finger in eine tiefe, offene Wunde legen.

Ich habe immer gedacht, ich wäre alleine mit diesem Phänomen und es eben auf meine Überdrehtheit oder auf meine heftigen Erlebnisse geschoben – irgendwie war mir aber auch dabei klar, dass ich mit dieser Wunde bereits auf die Welt gekommen war.

Und da fand ich es sehr spannend, als ich davon bei Veit Lindau las. Wer noch nicht von ihm gehört hat, dem kann ich diesen Menschen sehr empfehlen, denn Veit arbeitet als Coach, Autor und Motivationsredner und das zu Recht äußerst erfolgreich. Seine Vorträge, Videobotschaften oder Bücher sind kompromisslos, authentisch, manchmal derbe und brutal ehrlich und er hält einem gnadenlos den Spiegel vor.

Ein großes Thema bei ihm ist eben auch meine besagte Wunde. Und er schreibt dazu in seinem Buch „Heirate dich selbst. Wie radikale Selbstliebe dein Leben revolutioniert“:

“ Dieser Schmerz fühlt sich wie das Zerreißen meines Herzens an. Mein Verstand versucht mich jedes Mal zu überzeugen, dass ich das nicht aushalten kann und auch nicht sollte. Gab ich früher seinen Argumenten nach, verwandelte sich der Schmerz in Wut. Ich suchte kurzfristig Erlösung, in dem ich laut wurde oder entrüstet mit den Türen knallte. Doch dies war keine Befreiung, sondern nur ein Wegrennen. Glaube mir, ich habe in 20 Jahren Bewusstseinsbusiness viele therapeutische Methoden und Ansätze kennengelernt und ausprobiert. Zwischendurch dachte ich immer wieder, nun endlich den wirklichen Auslöser für den Schmerz gefunden zu haben, bestimmte Situationen in meiner Jugend, in meiner Kindheit, bei meiner Geburt, vor meiner Geburt… Wenn du therapiererfahren bist, dann weißt du sicher, was ich meine. (….) Wir wollen das Leben verstehen, bevor wir uns hingeben. Doch tatsächlich verstehen wir es erst, wenn wir uns hingegeben haben. Alle meine Therapiesessions waren ein Versuch, zu analysieren, warum es immer wieder weh tut. Die verzweifelte Suche nach der EINEN Ursache und wenn du die findest, ist alles gelöst.

Ha! Für einen kurzen Moment glaubst du, alles erkannt, ja sogar geheilt zu haben. Bis du in deinem Alltag wieder vor dem Gefühl stehst, was du doch wegtherapieren wolltest. So wechselten sich auch bei mir viele Erklärungsmodelle und Methoden ab. Doch letzten Endes lief es für mich darauf hinaus, diesen tiefen Schmerz als mir zugehörig zu akzeptieren, ihn willkommen zu heißen und möglichst sanft aushalten zu lernen. Seitdem ich ihn als mein Trainings- und Reifungsfeld akzeptiert habe, bin ich viel öfter und tiefer in Frieden mit mir.
Die vielen ehrlichen Gespräche mit meinen Freunden und Klienten haben mich zu der Überzeugung gebracht, dass wir unter unseren so unterschiedlichen Fassaden alle diesen existentiellen Schmerz in uns tragen. Natürlich gehen wir alle anders damit um.
Wie ist es mit dir? Wo in deinem Leben fühlst du manchmal einen tiefen emotionalen Schmerz, den du versuchst, mit Ablenkung, mit Wut, mit Geschwätz zu überdecken?
Was wäre, wenn er einfach sein dürfte?
Was wäre, wenn du nicht mehr dagegen kämpfen, sondern dich bewusst hingeben würdest?
Was oder wen machst du manchmal für dieses unangenehme Gefühl verantwortlich?
Wenn du bereit bist, diesen Schmerz voll als dein anzunehmen, wird bald klar, dass er viel älter als jede auslösende Situation. Wenn du in seinem Feuer stehen bleibst, wird er dich zu seiner Wurzel führen – unser Nichtwissen, wer wir wirklich sind. Je mehr du dich von dir entfernt hast, je länger du schon nicht mehr deiner wahren Spur folgst, desto tiefer schmerzt es. Der Schmerz, den wir fühlen, wenn uns andere Menschen enttäuschen, erinnert uns nur daran, dass bei uns niemand zuhause ist.“

Veit Lindau spricht also davon, dass jeder von uns einen derartigen Punkt in sich trägt. Als ich das zum ersten Mal gelesen hatte, war ich echt erleichtert und habe mit einem Ruck die Menschen um mich herum ein kleines bisschen besser verstanden.

Ich denke, es hilft uns allen, die eigene Wunde zu sehen, zu erleben und sie als solche anzunehmen, denn sie gehört zu uns. Und es hilft zudem zu wissen, dass unserer Gegenüber sie ebenfalls in sich trägt – anders natürlich, vielleicht kleiner, oder tiefer, mit anderen Triggerpunkten – aber mit einer genauso großen Berechtigung wie wir selbst.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Uta, ich bin erstaunt, wie schnell, Du in „Deinem Pozess“ bist ! Nimm Dir Zeit, die gehört auch dazu

  2. Uta denke nicht immer an deine Fehler und an deine Vergangenheit, sondern lächle und verlieb dich neu.

    • Lieber Franz,
      immerzu denke ich nicht daran – ganz im Gegenteil: eigentlich fange ich endlich an, daran zu denken und es zu verarbeiten. Gehört dazu

  3. Uta,mich zerreißt es gerade auch völlig.Ich musste gestern die schlimmste Entscheidung meines Lebens treffen.
    Jetzt muss ich stark sein,und jeden Tag beten,das sie keine Schmerzen dabei hat.
    Für dich Uta,drück ich die Daumen das es dir bald wieder besser geht.
    LG aus Köln Petra

  4. Liebe Petra, ich glaube, Du sprichst von Deiner Mama, oder ?! Ich schicke ihr und auch Dir ganz viele Kraftgedanken!!!! Deine Lydia

  5. Liebe Petra!
    Unbekannterweise sende ich dir auch viel Kraft, gute Begleitung und Erhörung deiner Gebete, liebe Grüße von Moers nach Köln!
    Christiane

    Liebe Uta!
    Ein interessanter Erklärungsansatz.
    Und eine große Befreiung, die dahinter steckende ‚Idee‘, nicht alles ergründen und ‚heilen‘ zu müssen/können.
    Ich denke, das Wort ‚Weltschmerz‘ passt auch gut. Vieles passt, läuft gut in unseren Leben und dann kommt plötzlich dieses Gefühl der Einsamkeit, des Verloren-Seins, der Desorientierung, dieses ‚Soll das alles sein?‘, ‚Lebe ich eigentlich das Leben, das ich leben möchte?‘ Manchmal ist das Anlass, nachzudenken, das ein oder andere können und wollen wir ändern und ja, andererseits sehr beruhigend zu wissen, dass dieser existenzielle Schmerz uns nicht zwangsläufig unruhig werden lassen muss, denn es kann ja auch zu erneuter Hektik und Stress werden, zwanghaft an der Auflösung dieses Schmerzes zu arbeiten, ihn einfach aushalten und in unser Leben integrieren zu dürfen, finde ich sehr entlastend.
    Lieben Gruß und herzlichen Dank für diese weisen Worte,
    Christane

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