Die Sümpfe der Traurigkeit

Ich wollte noch über diesen Sog der Traurigkeit schreiben – dann kam die gesundheitliche Stolperfalle in Form des Bandscheibenvorfalls… aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben.

Denn mir ist zu diesem Drang, sich in die Niedergeschlagenheit tiefer und tiefer reinsinken zu lassen – weil diese einen auch mit zärtlichen Gesten und Worten zu locken scheint – ein sehr gutes Bild eingefallen. Vielmehr die Szene in einem meiner absoluten Lieblingsbücher:

„Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Für mich eines der phantasievollsten, schönsten, zeitlosesten und liebevollsten Geschichten, die jemals geschrieben wurden – und an einer Stelle schafft Ende es wie kein zweiter, diesen besagten Sog einzubauen:

Atreju, der Held aus „Phantasien“, macht sich zusammen mit seinem treuen Pferd Artax auf den Weg, den Grund für die Krankheit der kindlichen Kaiserin zu suchen. Auf diesem Wege durchqueren sie die Sümpfe der Traurigkeit.

Um Artax den beschwerlichen Weg durch den tiefen Sumpf zu erleichtern, steigt Atreju ab. Langsam kommen sie voran, wobei Artax sich immer wieder sträubt, bis er, bereits bis zum Rumpf eingesunken gar nicht mehr weiter möchte, so sehr Atreju auch zerrt und auf ihn einredet, das Pferd versinkt immer mehr.

Atreju brüllt ihn an, er solle doch nicht stehen bleiben und fleht ihn an: „Artax, bitte! Du darfst dich von der Traurigkeit nicht überwältigen lassen, du darfst nicht aufgeben! Du musst am Leben bleiben, für mich! Du bist mein Freund, ich liebe dich.

Aber für Artax ist der Sog der Traurigkeit zu stark – er wehrt sich nicht, er versinkt einfach.

Ich weiß nicht, wie oft ich „Die unendliche Geschichte“ bereits gelesen habe – aber diese Szene ergreift mich jedes mal und sie berührt mein Herz auf zweifache Weise: kann ich mich doch in beide Figuren nur zu gut hineinversetzen.

In Artax, der dem Sog der Traurigkeit nicht widerstehen kann und sich in das Gefühl hinein verliert.

Und in Atreju, der versucht zu retten – der kämpft und fleht, zieht und alle Kraft aufbringt – um am Ende zu verlieren und alleine zurück zu bleiben.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Uta,
    ich glaube diesen Sog kennt jeder von uns und auch die Schwierigkeit sich dagegen zu wehren. Mir hilft es immer mich dann irgendwie creativ zu beschäftigen, d.h. Dinge zu gestalten bei denen ich dann auch ein Ergebnis sehe und mich darüber freuen kann. Das sind die unterschiedlichsten Dinge, mal Blumen auf dem Balkon pflanzen, mal raus gehen und fotografieren, mal die Wohnung dekorieren, um nur einiges zu nennen. Wichtig ist, dass man etwas gegen den Sog tut, egal was. Manchmal helfen schon Kleinigkeiten, um einfach nur auf andere Gedanken zu kommen. Also lass uns den Kampf gegen den Traurigkeitssog angehen und zwar in kleinen aber kräftigen Schritten. Das Leben ist zu schön, um Traurigkeit und Niedergeschlagenheit einen großen Platz für längere Zeit einzuräumen ! Ich drücke dich ganz vorsichtig und schicke dir Kraft um den ersten Schritt zu machen. 😘

    • Liebe Nici,
      ja, das hat man mir auch geraten – ablenken hilft kurzfristig gegen diesen Sog. Im Moment habe ich noch nicht das richtige Ventil gefunden – aber das wird schon noch… Vielen Dank und Drücker zurück

  2. …. ist schon interessant, die Ursache dafür zu ergründen, warum man für etwas so eine starke Affinität hat. Abgesehen von karmischen Gründen ( die ja leider oder gottseidank eine Vermutung bleiben ) kommt man da seinem “Seelenkern” auf die Spur. Der Sog der Traurigkeit ist ja neutral gesehen eine Neugier auf Dunkelheit – der Wunsch auf intensive Gefühle, die mich aus der Mittelmäßigkeit des Lebens herausholen und mich durch das Erleben des Verlassenseins und der Einsamkeit ganz stark meinem ICH konfrontieren…… Ich selbst habe schon als kleines Mädchen “Robin Hood-Phantasien” gehabt. Träume, in denen ich ganz allein durch die Wälder reite und Gerechtigkeit in die Welt bringe. Irgendwie ist davon immer noch ganz viel in mir geblieben – zumindest kann ich mich mit dem kleinen Mädchen von damals gut identifizieren und finde es irgendwie toll, wie sehr man sich doch sein Leben lang treu bleibt.

    • Sehr spannend, dieser Gedankenansatz, liebe Lydia. Es gibt mehrere Bücher oder auch Werke großer Künstler, von denen ich mich wie magische angezogen fühle. Und in vielem davon findet dieser Sog statt, wenn ich mal drüber nachdenke… und das werde ich jetzt noch etwas länger machen. Vielen Dank für den Denkanstoß

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